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SCHRITT FÜR SCHRITT
Ein Essay von Wendelin Schmidt-Dengler
Einhellig wie selten zuvor haben die Fachwelt und das große
Laienpublikum die Verleihung des Nobelpreises an Imre Kertész
im Jahr 2002 begrüßt: In seinem großen Roman eines
Schicksallosen hatte der ungarische Autor etwas vollbracht, was
zuvor als unmöglich gegolten hatte: über das KZ und den
Holocaust so zu schreiben, dass die Gefühle der Opfer nicht
verletzt wurden, die ästhetische Gestaltung nicht in einen
prekären Gegensatz zum Schrecklichen der Ereignisse trat oder
diese dadurch verharmlost wurden; vor allem konnte durch die Authentizität
der Erfahrung und durch die Gestaltung des Berichts nie der Verdacht
aufkommen, dass hier jemand aus diesem Stoff hätte Gewinn schlagen
wollen.
Nach langem Drängen hat sich Kertész dann zu einem weiteren
Schritt entschlossen: auch das Drehbuch für die Verfilmung
dieses Werks zu schreiben. Die Begründung für seine Zurückhaltung
ist nur zu verständlich: In der Vorbemerkung zum zweiten Teil
des Drehbuchs von SCHRITT FÜR SCHRITT spricht er von einem
„stillschweigenden Konsens“, dass „die industrielle
Liquidation von sechs Millionen Menschen nicht vorstellbar“
sei: „Die mit ihr verbundenen Qualen gelten als nicht beschreibbar
und nicht darstellbar.“ Kompromisslos verwirft Kertész
Versuche wie den Steven Spielbergs und meint von seinem eigenen
Unterfangen, dass es nicht darum ginge, den Holocaust darzustellen,
sondern vielmehr darum, auf Grund eigener Erfahrung den Weg eines
Menschen nachzuzeichnen, der „unausweichlich durch die Welt
der Lager führt“. Das Buch solle durch „Treue,
Lakonie und die düstere Pracht der Unverziertheit“ der
„Trauer von Millionen würdig“ sein.
Imre Kertész ist ein Text gelungen, der in seiner Kategorie
als unvergleichlich gelten kann, ein Gebilde, das auch für
alle, die den Roman kennen, Neues bringt. Der Autor ist sich bewusst,
dass so ein Drehbuch nur für den Regisseur geschrieben ist,
kein Werk der Dauer, sondern für den unmittelbaren Verzehr
bestimmt, ein, wie Kertész mit dem für ihn kennzeichnenden
Understatement schreibt, „Blankoscheck“, der von dem
Regisseur und seinen Mitarbeitern eingelöst werden kann. Dass
er aus dem Umschreiben irgendwie Gewinn habe ziehen können,
gibt er auch zu, da er das, was er vom Roman fern halten musste,
nämlich sehr persönliche Erinnerungen und Anekdoten, nun
guten Gewissens einbauen konnte, um die Lebendigkeit und Intensität
der Darstellung zu fördern.
Die Stärke des Textbuchs ist indes – wie beim Roman –
die Reduktion, eben die „Lakonie“. Hier wird nichts
ausgespielt, Kertész vertraut der Aussagekraft des einzelnen
Ausschnitts, und so bekommen wir
nur höchst kennzeichnende Szenen vorgestellt, die allerdings
nie von langer Hand auf einen peinlich-pathetischen Höhepunkt
hin konzipiert sind, sondern der Aussagekraft des Details vertrauen.
Das gilt für alle drei Teile, so für den ersten, in dem
das Leben der Familie des jungen György Köves unter der
Bedrohung des Naziregimes in Budapest Thema ist. Zugleich aber gibt
es durch die Schilderung der Verhaftung des Knaben, der einfach
aus dem Bus, der ihn zur Arbeit bringen soll, geholt wird, eine
hochdramatische Szene, deren Substanz durch den Beginn von Kafkas
PROZESS irgendwie antizipiert erscheint. Dieses Prinzip, dem Ausschnitt
zu vertrauen und nicht auf ein nicht fassbares Ganzes gehen zu wollen,
wird vor allem für den zweiten Teil wirksam, für die Aufenthalte
in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und Zeitz.
Trotz all des Schrecklichen finden sich immer Einschlüsse,
die ein Innehalten des Vernichtungsvorgangs zu sein scheinen, ja
eine drastische Komik scheint an einzelnen Momenten durchzubrechen,
so als ob diese dort anwesend zu sein habe, wo das Grauen durch
die Sprache nicht mehr fassbar ist. Idyllisches scheint zwar auch
punktuell aufzublitzen, doch weiß der Leser (oder Zuschauer)
sofort, dass es trügerisch ist.
Der dritte Teil bringt schließlich die Befreiung, doch wird
diese nicht von dem Hymnus auf die Freiheit untermalt wie in Beethovens
Fidelio, es ist auch nicht die Rückkehr in einen Alltag, in
dem es nun so weitergehen kann, als ob nichts gewesen wäre.
Es geht weiter, in einer „stillen Unwirklichkeit“, die
anzeigt, dass weder für den jungen Menschen noch für uns
die Probleme gelöst sind. Gerade dass es so weitergeht, als
ob man an die Zeit davor anschließen könne, sollte für
uns das Moment sein, von dem aus wir weiterzudenken haben. Auch
durch den offenen Schluss hat Kertész mit seinem Drehbuch
dieser Gattung eine neue Qualität verliehen, ein Werk von ausgezeichneter
Lesbarkeit geschaffen und zugleich eine ebenso großartige
wie präzise und anspruchsvolle Vorgabe für dessen filmische
Umsetzung.
Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor für Neuere deutsche
Literatur und Leiter des Österreichischen Literaturarchivs.
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