Leseprobe

Kapitel 1. Der gelbe Stern (I) (Seite 11-14)
Kapitel 24. Avant de mourir (Seite 147-149)

Übersetzt wurde das Werk von Erich Berger.


(Seite 11-14)

1. Der gelbe Stern (I)

Eine belebte Straße. Frühlingsmorgen. Auf Fensterscheiben und Karosserien blitzende Sonnenstrahlen. Die Stimmung von Tageserwachen, erwachendem Leben. Unter den Passanten ein Junge. Beinahe tänzelnd kommt er im Sonnenlicht daher. Offenbar läuft er gegen den Wind, der offene Mantel weht hinter ihm her.
Plötzlich entsinnt er sich, wird ernst. Reißt sich den Mantel über der Brust zusammen. Auf der linken Seite wird der sechszackige, sechs Quadratzentimeter große, kanariengelbe Stern sichtbar. Ein wenig herausfordernd, ein wenig scheu blickt der Junge zu den Vorübergehenden auf. Lauert auf die Wirkung. Wer wagt es, gegen soviel Jugend, soviel Freiheit, soviel Unschuld vorzugehen?
Das Spiel wiederholt sich zwei-, dreimal. Der Wind schlägt den Mantel zurück, der Junge reißt ihn wieder nach vorn. Unterdessen macht sich eine gewisse Verkommenheit der Stadt bemerkbar. Auf einem Plakat die bekannte Teufelsfratze eines schwarzen amerikanischen Piloten, der explosives Spielzeug für Kinder abwirft. An Hauswänden und Litfaßsäulen Anschläge mit den Judengesetzen, auf den Autodächern die langen, bombenähnlichen Behälter für Butangas als Benzinersatz usw. All das jedoch als fast ganz und gar nebensächliches, kaum wahrzunehmendes Zeitdekor.

Über der Bildfolge die Stimme des Jungen:
»Heute war ich nicht in der Schule. Das heißt, doch, ich war da, aber nur, um mir vom Klassenlehrer freigeben zu lassen. Ich habe ihm den Brief meines Vaters gegeben, in dem er wegen ›familiärer Gründe‹ um meine Freistellung nachsucht.
Der Lehrer hat mich gefragt, was das für familiäre
Gründe seien. Ich habe ihm gesagt, daß mein Vater zum Arbeitsdienst
einberufen worden ist; da hat er weiter keine
Schwierigkeiten gemacht.«

Eine kleine Pause, dann wird der Monolog fortgesetzt:
»Ich habe mich auf den Weg gemacht, aber nicht nach Hause, sondern zu unserem Geschäft. Vater hatte gesagt, daß sie dort auf mich warten.«

Der Junge hat das Geschäft erreicht.
»László Köves, Bau- und Möbelholz.« Er steigt über die dunkle Treppe in den Keller hinunter. Unten ein erleuchteter Glaskasten, darin drei Gestalten: der Vater, die Stiefmutter und Herr Sütő. Ihre lebhaften Stimmen dringen durch die Glaswand. Der Junge tritt ein.
Der Vater und die Stiefmutter achten nicht auf ihn, Herr Sütő wendet sich ihm mit betonter Aufmerksamkeit zu:
»Servus, lieber Freund.« Es ist zu spüren, daß zwischen ihnen seit langem ein gutes Verhältnis besteht. »Was für einen Orden hast du dir da beschafft!«
Der Junge lächelt, sein Lächeln bekommt einen schmerzlichen Zug: Oh, wie bekannt ist ihm dieses gezwungene und gekünstelte Lächeln schon, wenn man ihm das eigene Martyrium zu Bewußtsein bringt.
Herr Sütő legt die Hand auf die Schulter des Jungen.
»Lange wirst du das nicht tragen. Diese Schande wird bald ein Ende finden.«
»Hat dir der Klassenlehrer freigegeben?« fragt der Vater.
»Ja«, antwortet der Junge. »Ich habe ihm gesagt, daß du zum Arbeitsdienst einberufen worden bist.«
»Und?«
»Da hat er mir freigegeben.«

Von diesem Moment an sehen wir alles nur aus dem Blickwinkel des Jungen, das heißt leicht verschwommen, leicht kurios. Es macht nichts, wenn die Dialoge etwas zerfetzt sind, sie sind ihm möglicherweise nicht ganz verständlich.

Die Erwachsenen setzen das Gespräch da fort, wo sie es bei der Ankunft des Jungen unterbrochen hatten.
»Über das Holzlager sind wir uns also einig, Herr Sütő.«
»Aber ich bitte Sie, Chef, wir kennen uns doch nicht erst seit gestern . . .«
»Ich weiß nicht, ob wir den ganzen Bestand nicht schnell loswerden sollten, bevor die Behörde vielleicht die Hand auf das Geschäft legt . . .«
»Aber die Preise waren noch nie so hoch, Chef . . .«
»Gut, gut, das überlasse ich Ihnen«, sagt der Vater leicht nervös. »Ich weiß, daß alles in guten Händen ist . . . Dann wäre es das beste«, fährt er mit einem schnellen, vorsichtigen Blick auf den Jungen fort, »wenn Sie die Ware jetzt gleich an sich nehmen würden . . .« Und damit greift er in eine Schublade und holt eine in Seidenpapier gewickelte Schachtel heraus.
Herr Sütő versteht in der Eile nicht: »Die Ware?« Dann besinnt er sich rasch: »Ja, natürlich.«
Er nimmt die Schachtel entgegen, ist jedoch sichtlich verlegen: »Vielleicht . . . was ich noch sagen wollte . . . Ich würde Ihnen das gern quittieren, Chef«, sagt er endlich und will sich an den Tisch setzen.
»Aber Herr Sütő, seien wir doch nicht kindisch . . .«, sagt der Vater müde, »so etwas ist zwischen uns doch nicht nötig.«
»Ich weiß, daß Sie mir vertrauen, Chef«, sagt Sütő verlegen, »aber trotzdem muß alles seine Richtigkeit haben . . . Nicht wahr, gnädige Frau?« wendet er sich an die Stiefmutter.

Die Stiefmutter macht eine unschlüssige Geste.
»Wir beide bleiben ja sowieso in ständiger Verbindung«, fährt Herr Sütő fort, »schon wegen der Abrechnung.«
»Wir zählen in jeder Hinsicht auf Ihre Erfahrung und Hilfe, Herr Sütő, so wie wir das seit vielen Jahren von Ihnen kennen.« Der Vater reicht ihm die Hand: »Gott mit Ihnen, alles Gute . . .«
Herr Sütő gerät jetzt in sichtliche Verlegenheit. Mit bedrückter Miene schüttelt er dem Vater unaufhörlich die Hand:
»Ich kann jetzt nichts anderes sagen als: Auf baldiges Wiedersehen, Chef.«
Der Vater, mit leicht gequältem Lächeln: »Hoffen wir, daß es so sein wird, Herr Sütő.«
Lange schütteln sie einander die Hände.

Währenddessen öffnet die Stiefmutter ihre Tasche, holt ein Taschentuch heraus und führt es an die Augen. In ihrer Kehle gluckern merkwürdige Töne.
Stille. Der Junge sieht die Stiefmutter betroffen an, die Augen starr, als warte er darauf, daß auch ihm Tränen kommen, doch das geschieht nicht.
Herr Sütő scheint bewegt. »Aber gnädige Frau«, bittet er,»Sie dürfen doch nicht . . . Nein, bitte, wirklich nicht.«
Er beugt sich vor und küßt ihr die Hand. Aufgewühlt eilt er davon. Der Junge muß zur Seite springen, als er hinausrennt. Wir hören noch die schweren Schritte auf der
Treppe.


(Seite 147-149)

24. Avant de mourir

Auf einem asphaltierten Terrain finden wir den Jungen.
Es scheint, als hätte man die Überreste, um nicht zu sagen: den »Abfall« des Krankentransports auf dieser Asphalt- fläche abgeladen. Körper liegen verstreut durcheinander, meist bewegungslos, im bleiernen, frostgrauen Licht des Wintervormittags.

Der Junge liegt in einer mit einer dünnen Eisschicht bedeckten Pfütze. Auf sein Gesicht prasselt ein stechender Niederschlag, irgend etwas zwischen Schnee und Regen, aber es scheint ihn nicht zu stören. Neben ihm ragt auf der einen Seite der Holzschuh eines Namenlosen heraus, auf der anderen sieht man die bekannte, keilförmig in die Stirn hineinreichende »Wintermütze«, eine spitz herausstehende Nase und ein Kinn, dazwischen eine hohle Vertiefung: der eingefallene Mund.

Der Junge liegt ruhig, bewegungslos da. Auf dem Gesicht Frieden. Er scheint zu sinnieren. Er betrachtet den niedrigen, grauen, undurchsichtigen Himmel. Die bleiernen, trägen Winterwolken reißen zuweilen auf, und da und dort entsteht für einen flüchtigen Moment unverhofft ein Spalt, ein hellerer Riß. Gleichsam wie eine plötzlich erahnbare Tiefe, aus der jetzt ein stechender Lichtstrahl auf den Jungen fällt, wie ein schneller, forschender Blick, ein helles Augenpaar: vielleicht das des SS-Arztes, vor den er in Auschwitz noch hintreten mußte. Und wirklich, das Augenpaar nimmt festere Umrisse an, langsam zeichnet sich dort oben das Gesicht des in Auschwitz selektierenden SS-Arztes ab, mit der Totenkopfmütze und dem wie ein Semaphor nach rechts und links weisenden Arm.

Jetzt geraten auf einmal geschäftige, schwer erkennbare Gestalten in das Blickfeld des Jungen. Undeutliche, ihm fern erscheinende Laute fliegen über seinen Kopf hinweg, er nimmt Bewegungen und Geräusche irgendeiner ordnenden Tätigkeit wahr. Plötzlich hebt sich der Kopf neben ihm, und mit den Augen des Jungen erblicken wir Sträflingsarme, die den benachbarten Körper an den Schultern hochheben. Sie sind dabei, ihn auf eine Art Handwagen zu werfen, auf das Häuflein der sich dort bereits übereinandertürmenden Körper obenauf, als wir plötzlich das schwache, heisere Flüstern einer bekannten, einstmals wetternden Stimme vernehmen: »Ich . . . pro . . . tes . . . tie . . . re.«

Vor Verblüffung halten die gestreiften Arme mitten in ihrer Bewegung inne: »Was? Du willst noch leben?« hört man jemand erstaunt, verdutzt fragen, in einem leicht slawisch klingenden Lagerdeutsch – offenbar einer der ihn bei den Schultern haltenden Häftlinge. Es liegt keinerlei Boshaftigkeit in dieser Frage, nur reines Erstaunen über die unausschöpflichen Kuriositäten der menschlichen Natur. Dann schwingt der Körper weiter und fällt mit einem dumpfen Plumpsen auf die anderen. Der Junge jedoch versteht merkwürdigerweise den tieferen Sinn der Frage, denn auf seinem Gesicht erscheint ein von sanftmütigem Einsehen, frühreifem Wissen durchdrungenes Lächeln.

Und als würde er eine Art Gelübde erfüllen, rührt er sich nicht, als unmittelbar vor seinen Augen zwei Hände herumfuchteln, wie um herauszufinden, ob noch Leben in ihm ist; ein Zwinkern kann er allerdings nicht verhindern.

Nun plumpst auch er zwischen zwei, drei menschliche Wracks, allerdings nicht auf einen Handwagen, sondern so etwas wie eine Schubkarre.

Die Karre wird von zwei Händen geschoben. Der Junge hat nicht den geringsten Zweifel, wohin der Weg geht. Wie aus weiter Ferne beobachtet er alles, doch wie jemand, der die Farben dieser Welt zum letzten Mal sieht.

Der Weg führt über eine hochgelegene Biegung. Zur Seite hin tut sich plötzlich eine weite Aussicht auf. Wir sehen das ganze sich über den weitläufigen Abhang erstreckende Terrain, die einförmigen Steinhäuschen des Lagers Buchenwald, die hübschen grünen und die etwas düsteren, noch ungestrichenen, wahrscheinlich neueren Baracken, die eine Extragruppe bilden, das verschlungene, aber offensichtlich planvoll angelegte Geflecht der Drahtzäune, die die verschiedenen inneren Zonen voneinander trennen, etwas weiter entfernt die mächtigen, nun kahlen Bäume sich im Nebel verlierender tiefer Wälder. Vor einem Gebäude, vermutlich dem Duschbad, warten nackte Muselmänner in der Kälte, um sie herum Lagerautoritäten und die auf Fußbänken hokkenden, Köpfe, Achselhöhlen und Schamhaare rasierenden Friseure. Aber auch die entlegeneren, gepflasterten Lagerstraßen weiter drinnen sind voll von Zeichen der Bewegung, leiser Betriebsamkeit, Schalten und Walten, Zeitvertreib – Alteingesessene, Unpäßliche, hohe Amtspersonen, Lagerwarte, die glücklichen Auserwählten der inneren Kommandos kommen und gehen, erledigen ihre tägliche Arbeit. Da und dort Rauch, Dampf, von irgendwo fern her schlägt dem Jungen vertrautes Klappern ans Ohr, gleichsam wie Glokkengeläut in unseren Träumen, und auf einmal erwacht er aus seiner Apathie. Sein suchender Blick entdeckt da unten einen Zug von Trägern, die unter der Last der schweren, an Stangen über den Schultern getragenen, dampfenden Kessel fast zusammenbrechen.

Es ist, als ließe dieser Anblick, dieser Duft in dem Jungen die letzte, hoffnungslose Sehnsucht nach Leben auferstehen. Er schnuppert in der Luft, dann flüstert er fast lautlos, träumerisch vor sich hin: »Rübensuppe . . .«

Anm.: Bei einigen Exemplaren fehlt leider die Seite 147.