Interview
Imre Kertész copyright Johannes Zinner

In der Erinnerung …

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse traf WIEN LIVE den Nobelpreisträger in der Lobby des Hotels Frankfurter Hof zu einem Gespräch über sein Buch SCHRITT FÜR SCHRITT, seine Erinnerungen an Wien und das zentrale Thema seines Schreibens.

WIEN LIVE: Herr Kertész, was haben Sie für eine Beziehung zu Wien?

Imre Kertész: Ich mag Wien sehr gerne. Nach Wien führte meine erste Reise nach der Wende. Ich habe ein Stipendium von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur bekommen. Nachlesen kann man das in meinem Essayband DIE EXILIERTE SPRACHE („Budapest – Wien – Budapest“). Es gibt aber noch ein Abenteuer mit Wien. In „Protokoll“ (in EINE GESCHICHTE – ZWEI GESCHICHTEN) beschreibe ich, wie ich auf der Fahrt nach Wien erwischt wurde, als ich mehr Schillinge mithatte als man damals durfte. Das verbindet mich auch mit Wien, denn ich beschreibe in der Geschichte Wien als Traumstadt, nach der man sich sehnt, die man aber nicht erreicht.

Sie hatten aber schon Lesungen in Wien, als Sie noch nicht so bekannt waren.

Imre Kertész: Wenn ich mich richtig erinnere, hat Kurt Neumann von der Alten Schmiede 1993 damit angefangen, mich einzuladen. Ich habe aus dem GALEERENTAGEBUCH gelesen und aus dem frisch erschienenen KADDISCH FÜR EIN NICHT GEBORENES KIND. Ich habe das sehr gerne gemacht und bin in Wien auch immer sehr gut aufgenommen worden.

SCHRITT FÜR SCHRITT ist von der Gattungsbezeichnung her ein Drehbuch. Es liest sich aber doch auch wie eine andere Fassung des Buchs ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN. Für mich ist SCHRITT FÜR SCHRITT ein eigenständiges Werk.

Imre Kertész: Ja, aber es ist wesentlich anders als der ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN. Der Unterschied zwischen einem Drehbuch und einem Roman ist, dass das Drehbuch ein Blankoscheck für einen Regisseur ist. Es wurde eigentlich für den Regisseur geschrieben. Der Regisseur muss dann die Sätze in Bilder übersetzen. Aber der Roman schafft durch die Sprache eine Welt. Und die ist eben selbstständig. Der ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN ist eine Welt, die ich als Schriftsteller durch die Sprache geschaffen habe – künstlerisch betrachtet eine geschlossene Welt. SCHRITT FÜR SCHRITT ist ein offenes Werk, das sich an die Filmemacher richtet.

Aber auch wenn ich kein Filmemacher bin, kann ich mir das als Leser vorstellen.

Imre Kertész: Ich habe das Drehbuch ja viele Jahre später geschrieben. 1973 war ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN fertig, SCHRITT FÜR SCHRITT entstand fast dreißig Jahre später. Aber das ist nicht eine Wiederaufnahme des Romans, denn SCHRITT FÜR SCHRITT ist viel mehr anekdotisch und persönlich, mit persönlichen Erinnerungen versehen – also alles das, was ich im ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN vermeiden wollte. ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN ist ein radikales, philosophisches Werk und SCHRITT FÜR SCHRITT ist ein Drehbuch, also eine andere Gattung.

Aber es ist auch das persönlichere Werk?

Imre Kertész: Ja, das persönlichere und viel mildere Werk. Da sind mir Szenen eingefallen, die ich im Roman nicht geschrieben habe – der ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN ist viel strenger. In SCHRITT FÜR SCHRITT durfte ich viel lockerer sein. Es wäre falsch, die beiden Werke zu vermischen.

Gibt es schon konkrete Filmpläne?

Imre Kertész: Ende Oktober wurde mit den Dreharbeiten angefangen. Der Film wird in Ungarn gedreht, mit einem ungarischen Team und in ungarischer Sprache. Auch das Lager und die berühmte Rampe von Auschwitz werden in Ungarn aufgebaut.

Beim Schreiben von SCHRITT FÜR SCHRITT haben Sie sich Auschwitz ja noch einmal vergegenwärtigen müssen.

Imre Kertész: Schauen Sie, der Unterschied zwischen einer Autobiografie und einem dichterischen Werk ist folgender: Eine Autobiografie erinnert sich an ein Erlebnis, aber ein Roman schafft alles neu. Mein ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN ist keine Erinnerung an Auschwitz und Buchenwald, sondern ich habe Auschwitz sozusagen erfunden und neu gestaltet. Als ob das Ganze meine Idee gewesen wäre. Das bedeutet: In der Erinnerung ist Auschwitz schon „mein Auschwitz“ geworden. Damit habe ich Auschwitz in der Wirklichkeit sozusagen weit weggeschoben. Was das Drehbuch betrifft, so war es so, dass ich den ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN als Auschwitz erinnerte. Meine eigene Wirklichkeit des Drehbuchs war nicht das existierende Auschwitz, sondern mein Roman. Das ist somit eine doppelte Abstraktion. Es war also nicht so, dass ich meine schrecklichen Erlebnisse wieder erleben musste, sondern ich habe mich an den ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN erinnert und aus diesem etwas mehr Anekdotisches gemacht. Das ist somit eine Wirklichkeit, die in einem Roman spielt.

Viele Dichter sind ja an der Beschreibung der Wirklichkeit von Auschwitz gescheitert. Ebenso viele Regisseure.

Imre Kertész: Ich habe dem Regisseur des Films gleich zu Beginn gesagt: Das ist kein Holocaust-Film, sondern er beschreibt den Weg einer Seele. Dieser Weg führt durch Konzentrationslager. Über den Holocaust kann man keinen Film machen, das ist unmöglich. Ich glaube, dass über den Holocaust überhaupt kein Kunstwerk gemacht werden kann. Es ist kein Zufall, dass im größten Film über den Holocaust – SHOA von Claude Lanzmann – nur die Gegenwart zu sehen ist. Kein Bild von der Vergangenheit ist da, kein Bild von einem ehemaligen Konzentrationslager – nicht einmal dokumentarische Bilder. Das zeigt die Schwierigkeiten, den Holocaust zu schildern. Das geht über die Grenzen der Fantasie. Deshalb können wir nur den Weg einer Seele zeigen. Und SCHRITT FÜR SCHRITT handelt eigentlich vom Verlust der Persönlichkeit. Das ist die Geschichte und das Thema.

Einer Ihrer Schlüsselsätze heißt ja, dass nichts nach 1945 Auschwitz widerlegt hat. Das bedeutet ja nichts anderes, als dass Auschwitz jederzeit wieder passieren kann.

Imre Kertész: Das ist mir eine zu direkte Folgerung, sozusagen von der Philosophie zur Tagespolitik. Natürlich kann das wieder passieren. Aber wichtig ist, dass Auschwitz einen ganz engen Zusammenhang mit unserem Leben hat. Es ist nicht wahr, dass Auschwitz vom Himmel oder von der Hölle gekommen ist. Auschwitz wurde von Menschen geschaffen, in einer von Menschen gestalteten Welt. Darum meine ich, dass nach 1945 nichts passiert ist, das Auschwitz widerlegen könnte – unser Leben hat sich nicht geändert.

Aber deshalb ist es ja wichtig, dass man dieses Verbrechen niemals vergisst.

Imre Kertész: Ich denke, es ist nicht die Frage, ob man vergisst oder nicht vergisst, darüber schreibt oder nicht: Auschwitz ist da. Der Schatten von Auschwitz besteht darin, dass Auschwitz passiert ist. Es hängt nicht davon ab, ob wir das vergessen oder nicht. Die Erinnerung der Menschen ist etwas subkutan. Man kann so etwas nicht fordern. Solange Kunstwerke über einen – banal gesagt – Zivilisationsbruch erzählen, solange ist Auschwitz da. Der Bruch ist da, in der Musik, in der bildenden Kunst, in der Literatur. Etwas, was die europäische Zivilisation hervorgebracht hat, ist da – unabhängig davon, ob wir uns erinnern oder nicht.

(Interview: Helmut Schneider)

Aus WIEN LIVE Nr. 4/03 – erhältlich in den Büchereien Wien, Buchhandlungen, Museen, Theatern, Szenelokalen und auf der Buchwoche im Wiener Rathaus