| Liebe Wienerinnen und Wiener,
liebe Leser!
Wien ist eine Stadt des Wortes, hier wurde immer auf die Wirkung
des Wortes vertraut. Ein Beispiel: In keiner anderen Stadt der Welt
wird Theater so ernst genommen wie bei uns. Und ein manischer Sprachkritiker
wie Karl Kraus konnte nur hier in Wien groß werden. Einmal
aber fehlten selbst dem Sprachgenie Karl Kraus die Worte. Am Ende
seines Lebens musste der Wortgewaltige erleben, wie die Sprachlosen
die Macht ergriffen haben. „Das Wort entschlief, als jene
Welt erwachte“, heißt es in einem Gedicht und später
schrieb er: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“
Das Buch, das Sie jetzt in Händen halten, ist ein Sprachkunstwerk
genau über jene Zeit der Sprachlosigkeit. Imre Kertész
hat als Halbwüchsiger die Schrecken der deutschen Konzentrationslager
überlebt und davon literarisch Zeugnis abgelegt. Für diese
schriftstellerische Leistung hat er 2002 den Nobelpreis für
Literatur erhalten. Und weil diese Dokumentation des Schicksals
eines Kindes in Auschwitz auch und gerade für Wien wichtig
ist, freut es mich, dass Sie dieses autobiografische Werk interessiert.
100.000 eigens produzierte Taschenbücher werden und wurden
in Buchhandlungen, Schulen, den Büchereien Wien und den Volkshochschulen
verteilt. Möglichst viele Wienerinnen und Wiener sollen mit
diesem literarischen Meisterwerk konfrontiert werden.
Mit der Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“, die im Vorjahr
mit großem Erfolg zum ersten Mal durchgeführt wurde,
will die Stadt Wien aber auch wieder ein starkes Zeichen für
das Lesen, für die Beschäftigung mit dem gedruckten Wort
setzen. Ein kleiner Beitrag dafür, dass Wien auch weiterhin
die Stadt des Wortes bleibt.
Das Buch „Schritt für Schritt“ ist eine neuere
Fassung – ein Drehbuch – des von der Kritik und dem
Nobelpreiskomitee hochgelobten „Roman eines Schicksallosen“.
Imre Kertész hat mit dem „Stoff“ jahrelang
gerungen, und es brauchte nochmals Jahrzehnte, bis das Werk jene
Beachtung gefunden hat, die es verdient. Kertész beschreibt
die Konzentrationslager mit den Augen jenes Kindes, das er war.
Die Nazischlächter sind in erster Linie nicht die gesichtslosen
Täter, sondern die Erwachsenen. Und das KZ ist nicht ein Folterplatz
irgendwo auf der Welt, sondern ist ihm die Welt. Das macht die Lektüre
dieses Buchs auch so schmerzhaft. Aber der aufmerksame Leser erkennt,
dass hier ein entscheidender Beitrag zum Verständnis des Unverständlichen
geleistet wird.
Der Budapester Autor Imre Kertész, 1929 als Sohn einer
jüdischen Familie geboren, kennt Wien aus einigen Besuchen,
die er auch in seinen Essays beschrieben hat.
Das tragische Schicksal des Nobelpreisträgers setzte sich
leider auch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus fort.
Er lebte jahrelang mit seiner Frau in einer Kleinstwohnung und konnte
sein Werk unter dem kommunistischen Regime nur unter Schwierigkeiten
publizieren. Von Übersetzungen und dichterischen Gebrauchsarbeiten
lebend, blieb er jedoch in seinem literarischen Werk seinem zentralen
Thema immer treu. Er konnte gar nicht anders, denn „Nichts
hat nach 1945 Auschwitz widerlegt“, bekennt er in einem Gespräch
mit Peter Huemer. Manchmal, so denke ich als Politiker, ist es notwendig
zu wissen, dass unsere Demokratie, unser Wohlstand in der Völkergemeinschaft
immer wieder von neuem erkämpft werden müssen.
Ich freue mich nun, dass dieses Buch den Weg zu Ihnen gefunden hat,
und wünsche Ihnen eine gewinnbringende Lektüre.
Dr. Michael Häupl
Wiener Bürgermeister & Landeshauptmann |