Bürgermeister Dr. Michael Häupl

Liebe Wienerinnen und Wiener,
liebe Leser!

Wien ist eine Stadt des Wortes, hier wurde immer auf die Wirkung des Wortes vertraut. Ein Beispiel: In keiner anderen Stadt der Welt wird Theater so ernst genommen wie bei uns. Und ein manischer Sprachkritiker wie Karl Kraus konnte nur hier in Wien groß werden. Einmal aber fehlten selbst dem Sprachgenie Karl Kraus die Worte. Am Ende seines Lebens musste der Wortgewaltige erleben, wie die Sprachlosen die Macht ergriffen haben. „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte“, heißt es in einem Gedicht und später schrieb er: „Mir fällt zu Hitler nichts ein.“

Das Buch, das Sie jetzt in Händen halten, ist ein Sprachkunstwerk genau über jene Zeit der Sprachlosigkeit. Imre Kertész hat als Halbwüchsiger die Schrecken der deutschen Konzentrationslager überlebt und davon literarisch Zeugnis abgelegt. Für diese schriftstellerische Leistung hat er 2002 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Und weil diese Dokumentation des Schicksals eines Kindes in Auschwitz auch und gerade für Wien wichtig ist, freut es mich, dass Sie dieses autobiografische Werk interessiert. 100.000 eigens produzierte Taschenbücher werden und wurden in Buchhandlungen, Schulen, den Büchereien Wien und den Volkshochschulen verteilt. Möglichst viele Wienerinnen und Wiener sollen mit diesem literarischen Meisterwerk konfrontiert werden.

Mit der Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“, die im Vorjahr mit großem Erfolg zum ersten Mal durchgeführt wurde, will die Stadt Wien aber auch wieder ein starkes Zeichen für das Lesen, für die Beschäftigung mit dem gedruckten Wort setzen. Ein kleiner Beitrag dafür, dass Wien auch weiterhin die Stadt des Wortes bleibt.

Das Buch „Schritt für Schritt“ ist eine neuere Fassung – ein Drehbuch – des von der Kritik und dem Nobelpreiskomitee hochgelobten „Roman eines Schicksallosen“.

Imre Kertész hat mit dem „Stoff“ jahrelang gerungen, und es brauchte nochmals Jahrzehnte, bis das Werk jene Beachtung gefunden hat, die es verdient. Kertész beschreibt die Konzentrationslager mit den Augen jenes Kindes, das er war. Die Nazischlächter sind in erster Linie nicht die gesichtslosen Täter, sondern die Erwachsenen. Und das KZ ist nicht ein Folterplatz irgendwo auf der Welt, sondern ist ihm die Welt. Das macht die Lektüre dieses Buchs auch so schmerzhaft. Aber der aufmerksame Leser erkennt, dass hier ein entscheidender Beitrag zum Verständnis des Unverständlichen geleistet wird.

Der Budapester Autor Imre Kertész, 1929 als Sohn einer jüdischen Familie geboren, kennt Wien aus einigen Besuchen, die er auch in seinen Essays beschrieben hat.

Das tragische Schicksal des Nobelpreisträgers setzte sich leider auch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus fort. Er lebte jahrelang mit seiner Frau in einer Kleinstwohnung und konnte sein Werk unter dem kommunistischen Regime nur unter Schwierigkeiten publizieren. Von Übersetzungen und dichterischen Gebrauchsarbeiten lebend, blieb er jedoch in seinem literarischen Werk seinem zentralen Thema immer treu. Er konnte gar nicht anders, denn „Nichts hat nach 1945 Auschwitz widerlegt“, bekennt er in einem Gespräch mit Peter Huemer. Manchmal, so denke ich als Politiker, ist es notwendig zu wissen, dass unsere Demokratie, unser Wohlstand in der Völkergemeinschaft immer wieder von neuem erkämpft werden müssen.
Ich freue mich nun, dass dieses Buch den Weg zu Ihnen gefunden hat, und wünsche Ihnen eine gewinnbringende Lektüre.

Dr. Michael Häupl
Wiener Bürgermeister & Landeshauptmann